Workshop: Progressive Scan


Progressive Scan ist sein der Einführung der DVD in aller Munde. Für alte Heimkinohasen ist das im Grunde nichts wirklich Neues, schließlich erzeut jeder Linedoubler ein progressives Signal. Nur gibt es seit der DVD auch Alternativen, die preiswerter zum Vollbild führen. Dieser Workshop gibt Ihnen eine Hinweise, wann "Pro-Scan" überhaupt funktioniert, welche Wege gangbar sind und welche Vorteile Sie erwarten dürfen. Aber Vorsicht: ein paar Grundkenntnisse in Videotechnik sind beim Lesen der folgenden Zeilen nicht gerade verkehrt...

Wann macht progressive Scan überhaupt Sinn? Oder: was braucht man, um progressiv abgetastete Bilder überhaupt darstellen zu können?
Bevor Sie die Vorteile von "progressiv" abgetasteten Videobildern nutzen können, müssen Sie möglicherweise ein bittere Pille schlucken: ein normaler Fernseher reicht dazu nicht! Der Monitor/Projektor muss mindestens Ablenkfrequenzen von rund 31,5 kHz verarbeiten können, das ist das Doppelte von dem, was ein Standardfernsehgerät beherrscht. Bessere Chancen haben Sie mit einem Projektor, der eine VGA-Buchse besitzt. Ihre Chancen sind dann mit einem PC als DVD-Abspieler dann am größten. Optimal wird es, wenn der Projektor zusätzlich "Wideband-YUV" in Empfang nehmen kann, was allerdings die wenigsten tun (Ausnahme. Sony VW10HT, Seleco SVD800HD, Barco Cine 7), dann funktionieren auch die (wenigen) Pro-Scan DVD-Player. Praktisch alle Röhrenprojektoren mit einen Scanbereich ab 31,kHz kann man mit De-Interlacern (auch Linedoublern, besser: Videoprozessoren) einsetzen. Gute Voraussetzungen haben Sie auch mit einen Plasma-Panel, das ja von hause auf progressiv arbeitet.

Warum verwendet man überhaupt Interlace?
In den Gründertagen der Fernsehtechnik galt es zu sparen, was zu sparen war. Besonders knauserig musste man mit der sogenannten "Bandbreite" umgehen. Techniker verstehen darunter die Größe des Frequenzbereiches, den ein Videosignal belegt. Damals galt: Je weniger, desto besser, denn viel Bandbreite bedeutet hohen technischen Aufwand, der damals, wenn er überhaupt zur Verfügung stand, sehr teuer zu bezahlen war. Also suchte man eine Lösung, um den Bedarf an Frequenzen zu zähmen und verfiel auf die Technik des Zeilensprungs, die auch heute noch unsere Fernsehnormen beherrscht. Dabei wird die gesamte Anzahl der Bildzeilen in zwei Teile gesplittet und als zwei Halbbilder nacheinander übertragen, erst die ungeraden Zeilen, dann die geraden hinterher. Mit diesem Trick läßt sich die erforderliche Bandbreite halbieren, trotzdem wird das Bild im Empfänger häufig genug aufgebaut um Flimmerstörungen zu minimieren. Im englischen Sprachraum wird der Zeilensprung übrigens als "interlaced" bezeichnet und bei Auflösungsangaben mit einem "i" abgekürzt – zum Beispiel steht die Kennzahl "576i" für eine Zeilenstruktur, wie sie PAL benutzt. Auch heute sind die Sendeanstalten nicht gerade unglücklich über die geringe Bandbreite von Videosignalen mit Zeilensprung, lassen sich doch damit viele Sender in einem begrenzten Frequenzbereich unterbringen

Welche Artefakte beseitigt progressive Scan?
Die Nebenwirkungen der Zeilensprungtechnik, tritt besonders bei Großprojektionen sehr störend in den Vordergrund. Als da wäre das Zeilenflackern, das bei dünnen horizontal orientierten Strukturen auftritt. Diese Informationen sind nur in einem Halbbild enthalten und werden daher nur 25 mal pro Sekunde dargestellt. Schlimmer noch: besonders bei Röhrenprojektoren kann die Zeilenstruktur richtig augenfällig werden, wenn vertikale Bewegung im Bild auftreten. Das Auge folgt der Bewegung und "synchronisiert" sich mit einem Halbbild, so dass die vertikale Auflösung dramatisch abfällt und die Struktur des Halbbildes extrem in den Vordergrund treten kann. Es geht aber auch anders. Seit der Einführung des digitalen Fernsehens gilt der Zeilensprung als ein Relikt aus frühen Tagen, dem man folgen muss, um kompatibel zu den zig Millionen vorhandenen TV-Geräten zu bleiben. Kein Wunder, denn digitale Technik stammt vom Computer und dort arbeitet man im Unterschied zu Video mit "progressiven" Bildsignalen. Das bedeutet schlicht und einfach, dass pro dargestelltem Bildschirminhalt alle Zeilen in einem Rutsch übermittelt werden. Kein Zeilenflackern, keine sichtbare Struktur bei Bewegung, aber viel mehr Bedarf an Bandbreite. Das ist heutzutage auch kein ernsthaftes Problem mehr, denn intelligente Verfahren zur Datenreduktion wie MPEG-2 benötigen noch deutlich weniger Bandbreite als analoge Zeilensprungsignale. Das lässt sich sofort bestätigen, wenn man einen Blick auf die Kanalvielfalt des digitalen Fernsehens wirft.

Wo findet man progressives Bildmaterial?
Progressiv abgetastete Videosignale lassen sich mit digitaler Reduktion einfachst übermitteln. Das geschieht auch heute schon, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand. Wenn das Bildmaterial einer DVD nämlich von Film abgetastet wurde, kann man nahezu sicher sein, dass der MPEG-Encoder dieses Bildmaterial im progressiven Modus auf der DVD hinterlegt und dies auch mit einem sogenannten "Progressive Flag" als solches kennzeichnet. Übrigens: Auch bisherige "analoge" Videoquellen können versteckt progressives Bildmaterial enthalten, nämlich dann, wenn die Videoabtastung von Film stammt. Allerdings braucht man unbedingt einen (teuren) De-Interlacer mit Filmmode, um diesen Vorteil verwerten zu können.

Was macht ein "normaler" DVD-Player mit progressiven Signalen?
Leider geht der Vorteil der progressiven Bildaufzeichnung vollständig verloren, wenn man eine Film-DVD über einen handelsüblichen Player abspielt. Der zerlegt das Vollbild nach alter Sitte in Halbbilder und gibt diese über seine Videoschnittstellen nach außen. Das muss auch so sein, sonst könnte man den Player nicht mit jedem TV-Gerät verbinden. Katerstimmung stellt sich aber spätestens dann ein, wenn es um eine Großprojektion im Heimkino geht. Obwohl die DVD ein völlig artefaktfreies Vollbild beinhaltet, muss man sich mit allen Fehlern des Zeilensprungs herumplagen. Welche Möglichkeiten gibt es also, das Vollbild im ganzen von der DVD zu bekommen?

Wie man an das progressive Signal gelangt – Methode 1: per Linedoubler
Die bekannteste Methode benutzt ein nachgeschaltetes elektronisches Gerät, das die verhackstückten Videosignale wieder zu einem Ganzen zusammenfügt. So etwas nennt man einen "De-Interlacer" oder populärer ausgedrückt einen "Linedoubler". Ein typischer Vertreter dieser etwas exotischen Gerätegattung wie der Faroudja DVP-2200 hat "normale" Videoeingänge wie FBAS, S-Video oder vielleicht noch das in USA immer populärere YPrPb-Komponentensignal ("YUV") und gibt seine umgewandelten progressiven Signale an einer RGBHV-Schnittstelle an 4 bis 6 BNC-Buchsen nach außen. Diese Methode funktioniert potenziell gut, hat aber einige Einschränkungen. Erstens ist eine mehrmalige Umwandlung des Videosignals von digital nach analog und zurück unumgänglich, was auch bei den besten Geräten deutlich Spuren im Resultat hinterlässt. Weiterhin kann der externe Linedoubler nicht erkennen, ob es sich wirklich um eine Filmabtastung handelt, weil er das "Progressive-Flag" des DVD-Datenstromes nicht einsehen kann. Er ist also auf die Intelligenz seiner Datenverarbeitung angewiesen, um diesen Spezialfall ("Filmmode") sicher zu erkennen. Das beherrschen die wenigsten Geräte. Und wenn, sind sie oft empfindlich teuer.

Toshiba SD-5109

Wie man an das progressive Signal gelangt – Methode 1: per Pro-Scan Player.
Inzwischen gibt es am US-amerikanischen Markt einige Player, die das progressive Signal über eine zusätzliche Schnittstelle nach außen strömen lassen: sogenannte "Progressive Scan DVD-Player". Zwei Vertreter dieser Sorte von Abspielern sind der Toshiba SD-9100 und der preiswertere SD-5109 (oben im Bild). Diese Geräte besitzen einen zusätzlichen YPrPb-Komponentenausgang, der die Vollbilder mit rund 32kHz Horizontalfrequenz herausgibt. Noch arbeiten diese Geräte mit herkömmlichen MPEG-Dekodern, die intern Signale mit Zeilensprung erzeugen, aber diese werden gleich innerhalb des Gerätes auf digitaler Ebene wieder rekombiniert. Der De-Interlacer sitzt direkt an der Quelle und kann auch das "Progressive Flag" auslesen und so zweifelsfrei erkennen, ob der Datenstrom aus einer Filmabtastung stammt, die komplizierte und teure Filmmodeerkennung entfällt also. Ebenso entfällt die mehrfache Digital/Anlog Umwandlung, weil der De-Interlacer direkten Zugriff auf die digitalen Daten der DVD hat. Resultat: ein hochaufgelöstes Videosignal mit voller Bandbreite ohne jegliche Artefakte. Wäre ja schön, wenn es ohne Problem abginge, aber hier kommt der Pferdefuß: das "Wideband YPrPb"-Signal aus dem Toshiba-Player können nur ganz wenige Projektoren (darunter der Sony VW10HT und der neue Séleco SVD800HD) korrekt verarbeiten. Zudem sind die derzeitigen De-Interlacing Chips nur für das amerikanische Videoformat gerüstet und bestreiken deutsche DVDs beharrlich, auch wenn der Ländercode freigeschaltet ist (siehe weiter unten).

Wie man an das progressive Signal gelangt – Methode 2: per PC (genauer gesagt per HTPC!)
Die dritte Variante, um ein progressives Bild aus der DVD zu bekommen führt über einen PC. Dort gibt es standardmäßig eine RGB-Schnittstelle, so dass eine Ausgabe eine progressiv abgetasteten Signals der Normal fall ist, ein zusätzlicher Videoausgang gehört bei PCs her zur Ausnahme. Was im Heimkino wenig stört, denn wünschenswert ist sowieso das progressive Bild. Speziell für das Heimkino gerüstete Computer bezeichnet man ja schon als "HTPC" also "Home Theatre PCs". Im Grunde genügt für diese Qualifikation ein DVD-Laufwerk, gute Graphik- und Soundkarte und eine Software, die DVDs abspielen kann. Doch liegt darin auch gleichzeitig der Haken: es muss alles zueinander passen. Entweder zählt man sich selbst zu den unerschrockenen PC-Tüftlern und zimmert eigenhändig ein System zusammen (der eine oder andere Rückschlag nicht ausgeschlossen...), oder man verlässt sich auf externe Expertise und kauft einen fertig konfigurierten HTPC. Viele der heute im Heimkino verwendeten PCs verlassen sich noch auf Hardwarelösungen, also auf spezielle Erweiterungskarten, die alle Datenströme der DVD in Hardware dekodieren. Dann genügt ein relativ einfacher Prozessor (Richtwert um die 300MHz) um ruckelfreies Video zu genießen. Für Aufmerksamkeit hat besonders der MPACT-2 "Mediaprozessor" Chipsatz der US-Firma Chromatic Research gesorgt, der erstmals eine hochwertige DVD-Darstellung ermöglicht hat und auch gleich die Audiodatenströme über eigene Schnittstellen weiterleitet. Die neueste Version der "Mediaware" verarbeitet auch DTS ohne Klagen. Eine weitere gute Hardwarelösung gibt es von Real Magic, zum Beispiel auf der DVD-Karte von Videologic eingesetzt. Auch diese Hardwarelösung verarbeitet im neuesten Softwareupdate DTS, Dolby Digital geben beide Lösungen problemlos nach außen.

Geht es beim HTPC auch ohne spezielle Software?
Aber auch reine Softwarelösungen werden immer häufiger, wobei es von großem Vorteil sein kann, wenn eine entsprechend gerüstete Grafikkarte unterstützend mit eingreift und dem Prozessor bei der Dekodierung helfend zur Hand geht. Besonders aktiv ist der "Rage 128" von ATI, der neben Motion-Compensation auch inverse DCT per Hardware erledigt. Auf diese Art laufen die Bilder auch schon unter 300MHz ganz flüssig. Auch neue Karten kommen kaum noch ohne DVD-Unterstützung heraus, so ebenfalls die Flut der Karten die den GeForce-Chip von nVidia einsetzen. Auch Matrox hat mit der G400 eine interessante Lösung im Programm. Die meisten Karten bieten nur Motion Compensation in Hardware an, so dass der Prozessor deutlich mehr schwitzen muss. 450MHz gelten so als untere Grenze, je mehr, desto besser. Kein einfaches Thema ist die Ausgabe von digitalem Mehrkanalton, eine Karte mit entsprechender S/P-DIF Schnittstelle (zum Beispiel "Soundblaster live 1024 Player") ist Pflicht. Aber auch dann gibt es keine Garantie, dass die Software auch diesen Ausgang verwendet! Besonders die ATI-Software, die auf einem Cinemaster-Player beruht, bockt an dieser Stelle gewaltig. Besserung ist in Sicht: die WinDVD-Software sollte in dieser Hinsicht besser gerüstet sein.

Wo ist der Pferdefuss bei der PC-Lösung?
Erschwerend behaupten die Programmierer der Softwareplayer, dass nicht jede Software mit jedem Chipsatz auf dem Motherboard zurechtkommt, was in unerklärlichem Ruckeln gipfelt (im Handbuch des "PowerDVD"-Players nachzulesen). Sie sehen schon, was PCs betrifft sollte man entweder einen geduldigen Fachmann kennen oder seinen PC beim Händler konfigurieren lassen. Als Bildwerfer für den PC lassen sich im Grund alle Projektoren mit "VGA"-Buchse einsetzen, wobei die heute übliche Auflösung von 800x600 das Minimum sein sollte. Allerdings sind längst nicht alle Datenprojektoren für bewegte Bilder vom PC vorbereitet und erzeugen ihrerseits ein Ruckeln bei schnellen Bewegungen – daher möglichst vor dem Kauf testen! Höchst geeignet sind Datenprojektoren auf Röhrenbasis, die dem progressiven Signal aus der VGA-Buchse ungeahnte Bildqualitäten entlocken können.

Was hat ein externer Doubler einen HTPC oder Pro-Scan Player voraus?
Eines sollte man nicht vergessen: PC- und "Progressive-Scan"-Player funktionieren ausschließlich mit DVDs. Für alle anderen Quellen ist nach wie vor ein Videoprozessor mit De-Interlacer erforderlich. Dazu kommt noch, dass nicht jedes Videosignal direkt vom Film stammt. Wird das Bildmaterial von einer Kamera geliefert, hilft die einfache Zusammensetzung der Halbbilder nichts, weil beide verschiedene Bewegungsphasen beinhalten können. Dann bedarf es einer ausgeklügelten Interpolation, um ein möglichst von Artefakten ungetrübtes progressives Bild zu schaffen. An dieser Stelle brechen PCs gewöhnlich stark ein. Probieren Sie’s aus: Sobald sich eine Musik-DVD im Laufwerk dreht, hagelt es gerissene Kanten an allen Ecken und Enden. Die bisherigen DVD-Player mit "Progressive Scan" Ausgang schlugen sich in dieser Disziplin sehr tapfer, wenn es auch darauf spezialisierte Videoprozessoren wie der UP1280 (von Comm-Tec, ab 10.000Mark, Tel. 07161-3000-0) deutlich besser können.

Warum gibt es keine Pro-Scan Player für 625/50 "PAL"-Scheiben?
Weil sich die Filmindustrie querstellt. Vorgeschoben wird, dass der Pro-Scan Ausgang keinen Kopierschutz beinhaltet und daher nach DVD-Konsortium nicht zulässig sei.Dass jeder HTPC so einen Ausgang hat, scheint dabei keine Rolle zu spielen. Genauso hirnrissig ist, dass die US-Player kein progressives PAL verarbeiten. Nun ja, den Amerikanern ist PAL eben völlig egal. Technisch sollte das wohl kein Problem darstellen, aber es wird nicht freigeschaltet - wahrscheinlich um irgendwelchen Copyright-Problemen von vorne herein aus dem Weg zu gehen. Traurig, aber wahr.

Was taugen Nachrüstlösungen, die in Anzeigen abgeboten werden?
Derzeit noch schwer zu sagen, weil ich eine solche Lösung bisher noch nicht selbst testen konnte. Theoretisch könnte es gut werden, aber es bleibt die Frage offen, ob der eingebaute De-Interlacer den progressiven Modus zweifelsfrei erkennen kann. Das kann ich Ihnen erst sagen, wenn ein modifizierter Player bei mir war - was bisher noch nicht passiert ist. Daher rate ich Ihnen erstmal, mit einer Umrüstung zu warten, bis ein Seriengerät (keinen Prototyp!) so eines Umbaues getestet wurde.

Und das Fazit?
progressive Scan von DVD hat ein unerhörtes Potenzial, das sich heute nur auf Umwegen oder mit teurer Ausrüstung nutzen lässt. Der Trend zum Vollbild wird sich weiter fortsetzen, dafür gibt es zwei Anhaltspunkte: die neuen Displaytechnologien wie LCD, DLP und Plasma sind auf progressive Signale angewiesen, besitzen aner oft nur einfache De-Interlacer, die das Vergnügen merklich trüben. Außerdem kommen in USA beständig neue, HDTV-fähige Geräte auf den Markt, ebenfalls für progressive Bilder bestens gerüstet sind. Fragt sich nur, wann die große Welle zu uns herüberschwappt.

Copyright für diesen Text by Peter Finzel Productions2000. Wenn Sie diesen Text auf eigenen Webseiten einsetzen wollen, mailen Sie mich bitte zuvor an. Danke, P. Finzel

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